Windsurf-Geheimtipp in Friesland/NiederlandeSpotguide Tjeukemeer - Stehrevier im Schatten der Klassiker

Chris Hafer

 · 27.08.2026

Platz, Ruhe und Wind fast ohne Hindernisse: Erstaunlich, dass das friesische Tjeukemeer noch ein Geheimtipp ist.
Foto: Chris Hafer
Friesland kann mehr als Makkum und Co.: Zwischen Schilfgürteln und weiten Horizonten wartet mit dem Tjeukemeer ein erstaunlich unbekanntes Stehrevier.

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Die glorreichen Sieben“ ist ein Westernklassiker aus dem Jahr 1960, mit Stars wie Yul Brynner, Steve McQueen und Charles Bronson, in dem sieben angeheuerte Revolverhelden einem kleinen mexikanischen Dorf beim Kampf um seine Freiheit und Unabhängigkeit gegen marodierende Banden helfen. Glorreich sind auch die Surfspots in Friesland, die etwas unterhalb des Radars liegen und nicht so bekannt sind wie die Spots bei Hindeloopen, Stavoren oder Makkum am IJsselmeer. Es gibt allerdings definitiv mehr als nur diese Surfspots, und auch wesentlich mehr als sieben an der Zahl, aber immerhin findet sich die Zahl sieben auch auf der Flagge Frieslands wieder. Auf ihr sind insgesamt sieben Streifen in den Farben Weiß und Blau zu sehen.

Dazu sieben rote Herzen, die einen Zusammenschluss sieben friesischer Provinzen symbolisieren. Zwar sollen die Herzen eigentlich Seerosen darstellen, sind aber alles Symbole für den friesischen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit der Friesen um etwa 1000 nach Christus. Noch älter sind viele der Seen, die in der flachen Landschaft liegen und von den Einheimischen als friesische Meere bezeichnet werden. An dieser Stelle sei der wichtige Hinweis genannt, niemals einen Friesen als Holländer zu bezeichnen – nicht, dass wir nicht vor den daraus resultierenden Konsequenzen gewarnt hätten.

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Offensichtlich, aber im toten Winkel

Das IJsselmeer ist unter Windsurfern genauso ein Klassiker wie der am Anfang genannte Film: Fast jeder kennt die meist einsteigerfreundlichen Spots entlang der Ostseite. Aber fragt man nach dem Tjeukemeer, blickt man überwiegend in fragende Gesichter, kaum einer hat davon gehört. Dabei ist es eigentlich nicht so leicht zu übersehen, ist es doch das größte der friesischen Binnenmeere, auf Friesisch Tsjûkemar genannt. Und mit „groß“ ist eine Wasserfläche von etwa 22 Quadratkilometern gemeint, also größer als etwa der Dümmer und fast so groß wie das Steinhuder Meer.

Das gut 20 Quadratkilometer große Gewässer liegt direkt an der A6.Das gut 20 Quadratkilometer große Gewässer liegt direkt an der A6.

Weshalb man solch eine große Wasserfläche nicht direkt auf dem Schirm hat, speziell als Windsurfer, ist eigentlich mehr als erstaunlich. Zumal noch dazu die Autobahn direkt am Tjeukemeer vorbeiführt beziehungsweise im Westen sogar mit einer der wenigen existierenden Autobahn-Hubbrücken darüber hinweg. Das Tjeukemeer existiert schon seit der letzten Eiszeit und wurde durch Torfabbau erweitert, wo auch die bräunliche Farbe herrührt. Früher war es einfach eins von vielen Meeren in der ohnehin wasserreichen Region, bis es ab 1957 durch eine Kooperation der Region Friesland und den jeweiligen Gemeinden gezielt für den Wassersport nutzbar gemacht wurde. Hindernisse im und unter Wasser wurden weitestgehend entfernt, gleichzeitig wurden zwei künstliche Inseln für kostenlose Bootsanlegeplätze geschaffen. Trotzdem bleibt es mit seinen breiten Schilfgürteln ein sehr natürlicher Ort.

Ich hatte das Tjeukemeer mehr durch Zufall vor etwa 20 Jahren entdeckt, als dort im Rahmen der niederländischen Regattaserie Wettkämpfe stattfanden, und war damals mehr als erstaunt, welches Juwel an Spot da im Verborgenen schlummerte. Auch nach Jahren hat sich nichts verändert. Die Anfahrt zum Spot in Rohel im Norden führt immer noch durch verschlafene kleine Orte entlang der engen Straßen. Vorbei an kleinen Kirchen und alten Friedhöfen, die auf Warften, also kleinen Hügeln in der ansonsten brettflachen Landschaft, angelegt wurden, damit die Gräber vor Überflutung sicher sind. Noch immer sind an den Giebeln der imposanten Höfe die typischen friesischen Giebelverzierungen mit geschwungenen Schwanenhälsen zu sehen, deren genaue Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Der Parkplatz am Spot ist selbst an einem Samstagmorgen leer, nur ein anderer Surfer baut außer uns auf der Wiese auf. Mein Surf-Buddy Daniel, der zum ersten Mal hier ist, bekommt den Mund vor Staunen nicht mehr zu. Gut, der Bereich zum Einstieg sieht aus wie unser örtlicher Dorfteich. Fehlen eigentlich nur noch Enten … oder eben Schwäne. Vielleicht ist das ja der Grund für den örtlichen Giebelschmuck?

Vom Einstieg führt ein kleiner Kanal aufs offene WasserFoto: Chris HaferVom Einstieg führt ein kleiner Kanal aufs offene Wasser

Je nach Windrichtung stellt die Ausfahrt aus dem Einstiegsbereich durch eine circa drei Meter breite Zufahrt mit einer Spundwand aus Bohlen auf den ersten Blick eine Herausforderung dar. Aber auf den zweiten Blick stellt man fest, dass man auch zu Fuß in See stechen kann, das heißt, sein Material bis in den offenen Bereich durch den Kanal schieben kann, bevor man startet. Ab da gibt es dann so gut wie keine Hindernisse mehr.

Draußen haben wir anfangs das gesamte Meer für uns, am Horizont dann das Kontrastprogramm von kleinen Kirchen und den besagten Giebeln mit Schwanenschmuck oder der Autobahnbrücke im Westen, auf der der Verkehr vorbeifließt. Aber auch als weitere Windsurfer und Wingfoiler im Laufe des Tages zu uns stoßen, bleibt es angesichts so viel Wasserfläche leer. Die Sonne scheint dazu, der Wind reicht entgegen der Vorhersage mehr als aus, das Stehrevier lädt zu kleinen Pausen mit Pläuschchen ein, viel besser geht ein entspannter Surftag kaum. Vor allem, wenn er dann noch mit einer zünftigen Portion Pommes mit frischem Kibbeling endet.

1. Rohel

52.9117, 5.8074

Die Infrastruktur ist perfekt: großer, kostenfreier Parkplatz, Toiletten, an Wochenenden in der Saison eine mobile Frittenbude, Wiese zum Aufriggen, Kinderspielplatz und durch Bäume und Büsche windgeschützte Flächen für die nicht surfende Begleitung. Zum Schutz der Vogelwelt, sowie der schilfbewachsenen Uferbereiche sollte ausschließlich die offizielle Ein- und Ausstiegsstelle genutzt werden.

Parken und Campen direkt am Spot, Aufrigg-Wiese, kleiner Sandstrand, und auf dem Wasser ist viel Platz. Was will man mehr?Foto: Chris HaferParken und Campen direkt am Spot, Aufrigg-Wiese, kleiner Sandstrand, und auf dem Wasser ist viel Platz. Was will man mehr?

Das Wasser ist, bedingt durch die torfige Umgebung, eher braunes, undurchsichtiges Brackwasser. Die maximale Wassertiefe beträgt 2,2 Meter! Damit ist fast das gesamte Meer (bis auf die betonten Fahrrinnen für die Schifffahrt) Stehrevier! Meist etwa hüft- bis brusttief kann man auch mit längeren Finnen ohne Angst vor Schleuderstürzen mit ganz viel Platz in alle Richtungen fahren. Anders als man angesichts der Wasserfarbe erwarten sollte, ist der Boden überwiegend festsandig und frei von Steinen, da die meisten Findlinge entfernt wurden, als man beschloss, das Meer für den Wassersport zu präparieren. Nur an einigen Stellen sieht man kleine Sandbänke oder Grasbüschel aus dem Wasser ragen. Davon sollte man genauso Abstand halten wie von an Stangen befestigten Netzen, überwiegend im Bereich der schilfigen Uferstreifen.

​Der Einstiegsbereich sieht aus wie unser örtlicher Dorfteich, doch draußen hat man viel Platz in alle Richtungen.

Der Spot funktioniert prinzipiell bei allen Windrichtungen, nur bei direkt nördlichem Wind ist es am Einstieg ablandig. Eine Alternative ist dann ein nicht ganz so gut erschlossener, kleiner Strand an der Südseite (Delfstrahuizen) oder eben das IJsselmeer. Besonders gut geeignet ist das Tjeukemeer für östliche Windrichtungen – wenn es in Makkum und Co. ablandig weht, stellt es das perfekte Ausweichrevier dar. Der Wind kommt ungehindert aufs Wasser, zumal das umliegende Land etwas tiefer liegt als die Wasserfläche – ein Hoch auf die niederländische Wasserbaukunst.

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Spot Infos Tjeukemeer

Wind, Wetter und Neoprenempfehlung

In Friesland braucht man für gute Windsurfbedingungen meist ein Tiefdruckgebiet, das vom Atlantik aus ostwärts zieht. Speziell im Frühjahr und Herbst ist daher die Wahrscheinlichkeit, ein Tiefdruckgebiet abzupassen, höher als im Sommer. Im Sommer kann es zu stabilen Ostwindlagen kommen, was das Tjeukemeer dann besonders gut als Alternative zu ablandigen Winden an der Ostseite des Ijsselmeers macht. Luft- und Wassertemperaturen liegen im Sommer durchschnittlich bei 17–18 Grad, ein Kurzarm oder 4/3-Langarm sind dann ausreichend. Wer früh oder spät im Jahr unterwegs ist, oder ein ordentliches Tiefdruckgebiet erwischt, der sollte einen 5/3-Langarm dabei haben. Ebenso sind Schuhe empfehlenswert, da man im trüben Wasser nicht sieht, wo man hintritt. Die Wassertemperatur des Tjeukemeers passt sich aufgrund der relativ geringen Wassertiefe schneller an die Lufttemperatur an als etwa die offene Nordsee. Das gilt sowohl positiv im Frühjahr als auch negativ im Herbst. Die großen Stehbereiche bieten auf der anderen Seite aber gerade bei niedrigen Temperaturen einen gewissen Komfort und Sicherheit. Einfach wieder aufsteigen ist ohne langes Schwimmen möglich und abtreiben fast unmöglich.

Wohnen & Campen

In den Niederlanden ist wildes Campen generell verboten und auch teuer, mit Bußgeldern bis zu 100 €. Es lohnt sich nicht nur deshalb, einen der zahlreichen Campingplätze, egal ob groß oder klein, anzusteuern. Oder gleich eine Ferienwohnung oder ein Appartement zu mieten, oft direkt am Spot. Eine kleine Auswahl hier:

Surfschulen & -shops

Surfschulen oder Shops sucht man am Tjeukemeer vergebens, dazu muss man an die Ostseite des Ijsselmeeres fahren, was aber nicht besonders weit ist. Dort gibt es an fast jedem Spot Surfschulen und Surfshops, die Infrastruktur ist mehr als gut. Auch Materialmiete oder Verleih von SUP-Boards sind fast an jedem Spot dort möglich.

Schattenseiten & Gefahren

Abgesehen von dem engen Einstieg und den flachen Stellen im Nordosten (links vom Spot aus gesehen), wo man Gras aus dem Wasser ragen sieht, kommen uns keine Schattenseiten in den Sinn. Ganz in der Mitte des Einstiegspools ist der Boden etwas morastig. Es empfiehlt sich, an den Rändern entlang zur Ausfahrt zu gehen, wenn man den „Hafen“ zu Fuß verlässt. Im späten Herbst wird der Wasserspiegel teilweise um 20–30 cm künstlich abgesenkt, um die Deiche vor Schäden bei Stürmen zu schützen. Die gut sichtbar betonnten Fahrrinnen liegen alle etwas weiter entfernt, und in der Regel ist der Verkehr auch nicht sonderlich dicht oder schnell, sodass man mit etwas Umsicht auch dort keine Probleme hat.

Alternativprogramm

Das flache Umland mit seinem perfekten Radwegenetz bietet sich für Fahrradtouren an. Wer sich vom Wasser nicht trennen will, der sollte mit einem SUP auf Erkundungstour in den zahllosen Kanälen und Grachten gehen. Auch Touren von einem Ort zum anderen sind ohne Weiteres möglich. Nicht ohne Grund findet bei entsprechender Witterung im Winter hier auch die 11-Städte-Tour auf den dann zugefrorenen Grachten vorbei.

Leeuwarden, etwas nordöstlich gelegen, bietet als alte Universitätsstadt viel Flair und Partymöglichkeiten. Workum, Makkum, Hindeloopen und Stavoren lassen als ehemalige Handelsstädte mit direktem Zugang zu den Handelsrouten der Nordsee noch den Wohlstand vergangener Zeiten mit Häusern wie aus dem Bilderbuch erahnen und bieten neben vielen kleinen Geschäften auch ein reichhaltiges Angebot an Restaurants.

Besonders empfehlen für kühlere Tage können wir das Restaurant & Whiskybar De Koebrug (dekoebrug.nl) in Stavoren. Dort dürfte fast jeder aus der umfangreichen Bestückung der Bar einen wärmenden Tropfen finden und sich kurzzeitig in Schottland wähnen. Der nächstgelegene Ort mit Restaurants und einem stets belebten Freizeithafen im alten Ortskern ist Lemmer, ein Zentrum des Wassersports in Friesland, auch eine Reise wert für frischen Fisch oder Kibbeling am Hafen.


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