Zwei Events, eine Disziplin – und doch könnten die Bilder kaum unterschiedlicher sein. Wenn die World Wave Tour in diesem Jahr eines gezeigt hat, dann, wie weit der Begriff Waveriding im Windsurfen gespannt werden kann. Die Disziplin ist so facettenreich, wie die Orte, an denen sie stattfindet: tropisch, türkis und idyllisch auf Fiji – karg, rau und sturmgepeitscht auf Gran Canaria. Cloudbreak zeigte die puristische Seite der Disziplin, bei der Windsurfen mit schräg ablandigem Wind und kraftvoller Dünung nah ans klassische Wellenreiten heranrückt: keine Sprungwertung, sondern lange Bottom Turns, krachende Cutbacks, saubere Aerials – und ein Score, der aus der Qualität der Welle und des Ritts entsteht. Das Segel ist dabei weniger Motor als Balancepunkt, die Welle selbst gibt den Takt vor, dem das Board Rail-to-Rail folgt. Die Down-the-Line-Spezialisten wirkten nicht, als würden sie die Bedingungen bezwingen, sondern als würden sie sich in sie einfügen. Bernd Roediger und Jane Seman nutzten diese Bühne eindrucksvoll und bewiesen, wie viel Stil, Erfahrung und Feingefühl in einem Heat entscheiden können.
Ganz anders Pozo. Die Ostküste Gran Canarias wirkt wie ein Gegenentwurf zu Fiji: karg, steinig, trocken, windgegerbt. Statt Palmen und Lagunen dominieren Lavagestein, staubige Hänge und eine Küste, an der der Passat mit voller Wucht einfällt. Der Wind kommt schräg auflandig, oft brutal stark, der Windswell ist deutlich kleiner und ungeordneter. Die Wellen laufen nicht als lange, saubere Wände über ein Riff, sondern brechen kurz und kabbelig in eine aufgewühlte Arena. Zum Abreiten taugen sie nur bedingt – dafür sind sie Rampen. Pozo ist der Ort, an dem Wave-Windsurfen zur Flugshow wird: meterhohe Doppelloops, Push-Forwards, verdrehte Rotationen auf der Welle – und knüppelharte Landungen. Es geht um maximale Kontrolle bei maximaler Geschwindigkeit und endloser Airtime. Wer hier gewinnt, braucht nicht nur Wellengespür und die richtige Linie, sondern vor allem Kraft, Mut und ein Fahrwerk, das auch in chaotischen Bedingungen funktioniert. Die erneuten Sieger des diesjährigen Events, Philip Köster und Daida Moreno, stehen sinnbildlich für diese Schule des Waveridings. Beide Locals kennen die Bedingungen wie kaum jemand sonst, beide wissen, wie man aus scheinbar kleinen Wellen maximale Wirkung zieht.
In Pozo wird aus einer Wellenschulter, die anderswo kaum beachtet würde, eine Startrampe für Sprünge, die nur bei viel Wind hinhauen. Auf Fiji entscheidet die Kunst, eine perfekte Set-Welle nicht zu verschenken. In Pozo entscheidet die Fähigkeit, acht Windstärken zu bändigen. In Cloudbreak kann ein einziger, außergewöhnlicher Ritt, auf den man im Lineup ruhig wartet, den 30-minütigen Heat prägen. In einem Drittel dieser Zeit zählt in Pozo die Kombination aus Sprüngen und kurzen, druckvollen Wellenritten im hastigen Minutentakt.
Auffallend ist, dass die Schnittmenge der Starterfelder äußerst klein war – nur zwei Athleten (Antoine Martin und Takuma Sugi) stellten sich beiden Spots, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Hinweis darauf, dass nicht nur die Disziplinen an sich, sondern auch in sich immer spezialisierter und extremer werden? Oder sind auch hohe Reisekosten und ein eng getakteter Tour-Plan in diesem Sommer ein ausschlaggebender Faktor?

Redakteur surf
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.