Entstanden ist die Disziplin aus einer Art Notsituation heraus, denn auch die Pros der Neunziger hatten Verpflichtungen wie das Erscheinen bei Festivals oder Händler-Meetings an europäischen Flachwasserspots wie dem Gardasee. Dort vermissten die Jungs aus Hawaii wie Robby Seeger, Jason Polakow oder Josh Stone im Gegensatz zu ihren Racing-Kollegen die Wellen, um ihren Fans vor Ort eine Show auf dem Wasser bieten oder die Bretter ihrer Sponsoren in Szene setzen zu können. Kurz: Ihnen war langweilig. Also schnappten sie sich einfach ihr großes Wave-Material und fingen an, auf Flachwasser direkt vor dem Publikum Loops und Kreisel zu drehen. Die Menge am Ufer rastete aus – Freestyle war geboren.
Als sich die Disziplin Ende der Neunziger, Anfang der Zweitausender Schritt für Schritt etablierte, und für die meisten noch etwas ganz Neues und Besonderes war, waren die Preisgelder bei den Contests hoch, die Profi-Teams der Marken im Vergleich zu heute riesig, der Freestyler plötzlich eines der meistverkauften Bretter bei mancher Marke – die Manöver auf dem Wasser aus heutiger Sicht jedoch vergleichsweise simpel, gar unspektakulär. Es mag absurd klingen, doch die Moves, mit denen sich Profis wie Josh Stone bei Contests wie dem prestigeträchtigen King of the Lake zu Stars tricksten und zugleich ihren Lebensunterhalt bestritten, springt heute jeder ambitionierte Hobby-Freestyler während der Feierabendsession.
Mit der Zeit wurde die Disziplin immer radikaler, doch damit auch immer mehr zur Nische. Auch wenn die Moves heute mehr als doppelt so explosiv sind, ist es heute mehr als doppelt so schwer, als Profi seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wo führt das hin? Wir wollten wissen, ob ein Limit in Sicht ist, und ob die Entwicklung langsam ins Stocken gerät. Dafür werfen wir zunächst mit Steven van Broeckhoven, dem ältesten Teilnehmer im Feld der Freestyler, einen Blick in die Vergangenheit. Der Weltmeister von 2011 ist seit 20 Jahren im Freestyle dabei und schaut auf die Entwick- lung der Freestyle-Tricks im Ablauf der letzten 30 Jahre. Anschließend wagt die jüngere Generation um Yentel Caers und Lennart Neubauer einen Ausblick auf das, was noch kommen wird. Ein Gespräch und ein Überblick über die rasante Entwicklung der wildesten Disziplin im Windsurfen.
Jeder ambitionierte Hobby-Freestyler der heutigen Generation hätte damals die ersten internationalen Freestyle-Events problemlos gewonnen.
Ja, das war etwa zu jener Zeit, als ich im Alter von zehn Jahren mit dem Windsurfen anfing. Etwa zeitgleich fand mit dem „King of the Lake“ der erste Freestyle Wettbewerb statt und die neue Disziplin nahm ihren Lauf. Ich hatte mir Josh Stone, Jason Polakow, Robby Seeger, Björn Dunkerbeck und die anderen Jungs immer wieder auf VHS angesehen. Das war so unglaublich faszinierend anzuschauen und einer der Gründe, warum ich bald darauf mit Freestyle anfing. Ich erinnere mich, dass in der Windsurfschule, in der ich Windsurfen gelernt habe, Videos vom King of the Lake und diesen berühmten Ridern gezeigt wurden. Und ich erinnere mich genauso, dass sie Willy-Skipper, Spinloops, Body Drags und Aerial Jibes gemacht haben. Die Zuschauer haben geschrien vor Begeisterung! Und am Anfang haben die Freestyler auch noch ganz andere Boards und Segel benutzt.
Ganz sicher, denn damals gab es im Großen und Ganzen „nur“ Spinloops, Willy-Skipper und Jibe-Variationen. Anschließend kamen die Sliding Moves dazu. Jeder ambitionierte Freestyler der heutigen Generation hätte damals die ersten internationalen Freestyle Events gewonnen.
Es gab so viele: Vulcan, Spock, Grubby, Flaka …, das sind alles Sliding-Moves. Und auch früher haben schon viele Freestyler verschiedene Kombinationen dieser Sliding-Moves gemacht. Das ist also eine wirklich große Bandbreite an Manövern, aber dann kamen die Powermoves! Wir machen zwar immer noch Sliding-Manöver, aber auch – und vor allem – Powermoves. Und das hat die damalige „neue“ Generation des Freestyles wirklich stark verändert.
Ja! In den Jahren 2007 und 2008 gab es den „Big Change“, also den großen Schritt hin zu den Powermoves – das sind verschiedene Drehungen (häufig über „ducken“ des Segels eingeleitet, die Red.), die komplett in der Luft stattfinden, ohne viel über Nase oder Heck zu sliden. Ich habe diese Powermoves ziemlich früh gelernt und konnte diese in meinen ersten Wettbewerben auch stehen. Ich glaube, damals gab es auch schon den Culo, und heute macht jeder den Culo, und den Burner. Wir haben auch schon Air Funnels gemacht. Heute werden diese Moves alle doppelt und dreifach kombiniert – mit Zwischenlandung und sogar komplett in der Luft. Stichwort: Double Air Culo.
In den Jahren 2007/2008 gab es den ‘Big Change’ – den großen Schritt hin zu den Powermoves.” (Steven van Broeckhoven)
Die Bonaire-Crew! Sie haben die ersten Powermoves erfunden. Kiri Thode, Taty und Tonky Frans und die anderen Jungs waren Vorreiter. Und auch die El Yaque Crew, angeführt von Gollito Estredo, Cheo Diaz und Ricardo Campello.
Es war das Event der European Freestyle Pro Tour in Tarifa mit einem vierten Platz, dann die erste Weltmeisterschaft 2007 und die für mich erste komplette World Tour Teilnahme im Jahr 2008. Im Jahr darauf wurde ich zum ersten Mal Europameister und 2011 Weltmeister.
Ich meine, da haben wir gerade mit den doppelten Powermoves angefangen, und soweit ich mich erinnere, war ich einer der ersten, der Double Burners, Double Culos und Air Funnels into Burner, also doppelt gepoppte Moves, gemacht hat.
Das war 2009. Das sind die Moves, die wir heute immer noch machen und auch heute noch hohe Punktzahlen bringen.
Es sind die doppelten Powermoves, das heißt, man macht eine vollständige Drehung in der Luft, kommt herunter und macht dann einen weiteren Sprung mit einer Drehung. Wir hatten im Jahr 2011 viele Wettbewerbe: Insgesamt gab es sieben Freestyle World Cups und ich konnte drei der sieben Events gewinnen. Wir hatten sehr unterschiedliche Bedingungen, die nicht immer einfach waren, was vielleicht auch ein Vorteil für mich war, da ich es gewohnt bin, nicht unter perfekten Bedingungen zu trainieren, sondern zum Beispiel in Tarifa, wo ich viel Zeit mit böigen und starken Winden verbracht habe. Aber ich hatte damals auch mit leichtem Wind und glattem Wasser auf Bonaire trainiert und war auch in diesen Bedingungen fit.
Es gab in den darauffolgenden Jahren tatsächlich nur kleine Weiterentwicklungen, aber immer mehr Fahrer machten diese Tricks. Aber was man auch sagen muss: Viele Rider performen im freien Fahren sehr gut, aber diese Tricks in einem Wettkampf zu zeigen, ist eine andere Sache. Und dann machten erste Fahrer, allen voran Yentel Caers, „Double Airs”, also eine doppelte Drehung in der Luft ohne Zwischenlandung. Das war 2015, und ich glaube, es war Youp Schmidt, der den ersten Double Air Culo gestanden hat. Ich habe meinen ersten 2016 gemacht.
Ja, der Shifty ist wirklich unglaublich, oder?! Der Move kam 2015 ins Spiel, und ist wie ein Shaka: Man geht in einen Shaka hinein und macht dann eine Pushloop-Rotation. Und das ist auch zehn Jahre später noch ein echter Highscore-Move. Balz Müller hat ihn erfunden! In Kapstadt bin ich hinter ihm hergefahren, er hat das Ding gemacht und dann ist er hinter mir her und ich konnte den Shifty genauso stehen! Es war so ein unglaubliches Gefühl. Und ich denke, dass es Nicolas Akgazciyan gewesen ist, der den ersten Shifty erstmalig bei einem World Cup stehen konnte. Nicht jeder probiert diesen Move aus, weil immer noch viele Rider Angst davor haben, denn es ist ein wirklich beängstigender Move! Du hast da oben so viel Gegendruck im Segel – es kann dich in alle Richtungen schleudern.
Das Gefühl beim Absprung ist ganz anders, weil man durch die Kraft des Windes gegen das Segel in der Luft nach hinten gedrückt wird! Es gibt einen Moment, in dem man die Stelle, wo man landen wird, nicht sehen kann. Und genau das macht es so beängstigend. Man weiß nie, wie schnell die Drehung sein wird, denn das hängt davon ab, wie man sein Segel gegen den Wind hält. Alles spielt sich in der Luft ab. Es ist unglaublich.
Ich brauche perfekte Bedingungen, weil ich nicht mehr so gut trainiert bin (lacht). Am besten sind das kleine Wellen mit 25-30 Knoten. Darf ich noch einen weiteren Trick hinzufügen? Den Shifty Shaka! Den habe ich 2016 zum ersten Mal gemacht!
In diesem Jahr hat Lennart (Neubauer, Anm. d. Red.) sich das Ziel gesetzt, in Pozo einen Shifty mit einem Frontloop hinterher zu stehen! Das ist vergleichbar mit einem Push-Forward. Aber das ist nichts mehr für mich, ich bin 40 Jahre alt, aber vor zehn Jahren? Auf jeden Fall hätte ich das probiert (lacht).
Ich glaube, gar nicht so viele. Aber das Level so vieler Fahrer wächst!
Ja, es war das erste Mal in einem Weltcup-Heat, doch Yentel Caers zum Beispiel hat diesen Trick beim freien Fahren schon vor ein paar Jahren gezeigt. Jetzt war er dank der Bedingungen im Heat auf Sylt möglich, also dank der lang gezogenen Wellen. Das waren großartige Bedingungen, weil sie einen zusätzlichen Schub für diese Art von Tricks geben können.
Um ehrlich zu sein, denke ich nicht mehr wirklich über neue Tricks für mich nach. Diese Frage musst du Yentel und Lennart stellen. Genau diese beiden Jungs. Ich gehöre schon zur alten Generation im Freestyle (lacht).
Yentel: Der Triple Culo ist bereits zehn Jahre alt und ich war der erste Fahrer, der ihn in Fuerte gestanden hat. Aber es ist Lennart, der ihn in den World Cup gebracht hat. Das ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Ich habe all diese Dinge lange Zeit gepusht und ich habe großen Respekt davor, dass er das im Heat so perfekt hinbekommen hat.
Den Double Air Shaka! Das ist auch einer der „Big Moves“, aber diesen Trick sieht man nicht so oft. Ich habe ihn hier gezeigt, Jacopo Testa auch.
Das war 2018! Und 2015 bereits während meines Trainings.
Es werden sicher einige Tricks kommen. Der Triple Air Culo ist möglich. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Das allererste Mal auf Gran Canaria bei ziemlich welligen Bedingungen und Wochen später auch auf Fuerteventura bei flachem Wasser. Aber Jericoacoara, in Brasilien, war der Spot, wo ich ihn mit viel Wind gelernt habe. Den Move in einem World Cup Heat zu landen, ist allerdings eine ganz andere Herausforderung.
Genau, vom Winkel her erleichterte es der Swell im Vergleich zu völlig flachem Wasser, denn man benötigt nicht so viel Speed. Man braucht eigentlich nur eine Welle und geringe Geschwindigkeit, und dann wird man bei jedem Culo sogar fast schneller, während man die Welle herunterfährt.
Die Chancen für neue Moves sind noch riesig.” (Lennart Neubauer)
Ich denke, ein vierfacher Culo ist auf jeden Fall machbar. In welligen Bedingungen ziemlich sicher, Lanzarote wäre ein Ort, an dem man das gut machen könnte. Ja, ich glaube, die Chancen im Freestyle sind auf jeden Fall noch riesig, neue Moves machen.
Also ich bin ja ein riesiger Fan vom Shifty. Und einen Shifty into Forward habe ich im Auge, das Ding wurde noch nie gelandet und ich würde sehr gerne der Erste sein, der ihn landen kann, aber meistens limitiert man sich selbst.
Vor 25 Jahren wäre es undenkbar gewesen, mehrere Culos hintereinander zu springen. Das ist eine Kopfsache und es brauchte einen Vorreiter, der es zum ersten Mal macht. Andere Rider schauen sich dann den Bewegungsablauf ab und verfeinern diesen. Und, ja, jetzt sehen wir, wie gefühlt alle paar Jahre noch ein Culo dazu gesprungen wird. Das heißt, es ist auch viel Kopfsache dabei. Bis zu dem Zeitpunkt, dass es jemand vormacht, ist es immer schwer vorzustellen.
Freestyle steckt noch in den Kinderschuhen und besteht, basierend auf den vorherigen Zeiten des “Tricksurfens” auf Verdrängern, aus Segeltricks, Carving-Manövern, Tacks, Body Drags und dann Sprüngen wie Aerial Jibe und dem Spinloop.
Aus Aerial Jibe wird Willy Skipper und später Air Jibe (Vulcan). Josh Stone dreht aus Versehen zu weit und leitet mit der Erfindung des Spocks die Ära der Sliding Moves ein.
Flaka, Grubby, Chachoo & Co prägen das Bild, später auch in switch. Bob und Funnel sind die ersten „geduckten“ Manöver. Ricardo Campello bringt mit dem Shaka mehr „Power“ ins Spiel.
Aus Funnel wird Air Funnel; Gollito Estredo schraubt die Powermoves weiter in die Vertikale und erfindet den Burner. Hinterher kommen schnell Culo, Kono, Switch Kono, etc.
Powermoves werden kombiniert und doppelt und dreifach gesprungen, auch ohne Zwischenlandung. Mit Double Air Culo und Shifty-Variationen wandert Freestyle immer weiter in die Luft.
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