Julian Wiemar
· 14.06.2026
Mit 19 sollte Maui die letzte Reise vor dem „richtigen Leben“ sein – stattdessen wurde sie zum Startschuss für Federico Morisios Profi-Karriere im Windsurfen. Ohne Homespot war der Sport für den Turiner von Beginn an untrennbar mit Reisen verbunden; parallel wechselte er vom Ingenieurs- ins BWL-Studium und baute sich über Wettkämpfe, Sponsoren und Remote-Jobs seine Unabhängigkeit auf. Heute pendelt er ganzjährig zwischen Chile, Hawaii und den Kanaren, findet dort eine gewisse Stabilität und schafft Raum für Strategie, Training und Visionen. Im Gespräch erzählt er von Risiken abseits der Komfortzone, minimalistischen Packlisten, respektvollem Miteinander mit Locals und seinen „Windsurf Adventure Camps“. Und natürlich von magischen Sessions zwischen Topocalma, Pacasmayo und Cloudbreak – sowie einer Bucket List, die trotz des Lebens als Reisender weiter wächst.
Als ich 19 war, begann ich ein Ingenieurstudium an der Universität in Turin, und kurz vor Beginn bekam ich dieses großartige Geschenk einer Reise nach Maui. Das hätte eigentlich die letzte Reise vor dem „richtigen Leben“ sein sollen, sozusagen, um das Kapitel abzuschließen, aber tatsächlich hat es ein völlig neues Kapitel eröffnet. Während dieser Reise, wurde mir klar, dass das wirklich das ist, was ich in meinem Leben machen wollte: Ich wollte Profi-Windsurfer werden. Ich habe meine Familie überzeugt, in mich zu investieren, und gesagt: „Bitte, lasst mich das versuchen!“ Ich hatte keinen wirklichen Homespot, also war Windsurfen für mich von Beginn an zu einhundert Prozent mit Reisen gekoppelt. Ich dachte mir: Wenn ich das mache, dann gebe ich 110 Prozent, denn ich bin 19, komme aus Turin und muss gegen Leute antreten, die das schon seit 15 Jahren machen. Ich habe aus der Ferne weiterstudiert, bin allerdings auf Wirtschafts- und Betriebswirtschaften umgestiegen.
Ja, am Anfang war jede Reise ein großes Abenteuer: Kapstadt, die Kanaren, Hawaii… Es war fantastisch, doch gleichzeitig auch oft ein ziemlicher Stress. Diese zweiwöchigen Trips, die ich früher öfter gemacht habe: Baja California, Los Roques vor Venezuela, Peru, Malibu… Dort surfen zu gehen war fantastisch, aber ich musste natürlich auf der anderen Seite viel dafür opfern. Jeder Trip ging damals von Turin aus. Ich bin von Italien aus los, zurückgekommen, habe studiert, in ein paar Wochen mehrere Prüfungen geschrieben und bin dann wieder los. Turin habe ich dabei als meine Basis beibehalten. Es war ein straffer Zeitplan. Und dann, während COVID, habe ich die Uni abgeschlossen und bin zum ersten Mal länger als sechs Wochen an einem Ort geblieben, und zwar in Chile. Dort hatte ich auch Zeit, meine Social-Media-Präsenz zu verbessern und mehr Sponsoren zu gewinnen. Und ich dachte mir: Oh, eigentlich ist es gar nicht so schlecht, eine Weile an einem Ort zu bleiben, eine Art Routine zu haben, ein bisschen mehr, na ja, sagen wir Stabilität. Und das brachte mich zum Nachdenken. Denn wenn ich so viel reise, geht es nur ums Überleben. Ich nenne es Level 1. Man denkt nur über die grundlegenden Dinge nach: Wo werde ich schlafen, wie werde ich dorthin kommen und was werde ich dann essen? Länger an einem Ort zu bleiben, hilft mir, diese Dinge zu klären und auf Level zwei und drei vorzudringen: Dann geht es um Strategie, Pläne, Visionen, wie ich mich als Windsurfer verbessern will, was ich werden will und all die finanziellen Aspekte. Als ich die Uni beendet hatte, musste ich nicht mehr über Turin reisen. Und da begannen meine noch größeren Träume wahr zu werden, und ich fing einfach an, ohne die vielen Zwischenstopps, von einem guten Ort zum nächsten zu reisen.
Für mich als Turiner war Windsurfen schon immer ans Reisen gekoppelt.”
Genau. Chile, Hawaii und die Kanarischen Inseln gehören definitiv zu den drei besten, wenn nicht sogar zu den allerbesten Wavespots der Welt. Ich war dort, ich habe es gesehen, ich habe mich umgehört. Das sind Fakten. Wenn ich also je nach Saison diese drei Orte als meine Basis haben kann, bin ich gut aufgestellt. Wenn ich zwischendurch einen Trip machen will, zu einem Wettkampf, dann kann ich das tun, aber diese Basen zu haben, das ist fantastisch. Und genau das habe ich in den letzten Jahren gemacht. Es ist immer noch eine verrückte Definition von „sich niederlassen“, denn wenn mich jemand fragt, muss ich es erklären, und es klingt immer noch abstrus, aber für mich macht es vollkommen Sinn. Weißt du, mein Vater ist ein begeisterter Windsurfer, und meine Mutter hat 20 Jahre lang in einem Reisebüro gearbeitet – es lag mir also letztendlich im Blut.
Ich habe das Gefühl, Chile ist der richtige Ort. Die Community dort ist unglaublich. Die Locals sind wirklich leidenschaftlich beim Windsurfen. In diesen Jahren konnte ich sehen, wie die Community, die Begeisterung für den Sport, immer größer wurde. Das Niveau ist hoch, es ist also nicht so, dass ich allein dastehe, man wird auf dem Wasser ständig gepusht. Und außerdem ist die Landschaft einfach wunderschön.
Nein, nicht wirklich, ich habe jeden Ort genossen. (Überlegt lange). Obwohl! Es tut mir leid, das zu sagen, aber es ist die Wahrheit, und es gibt eine Erklärung dafür. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal in Japan. Es war wahnsinnig kalt, aber die Bedingungen waren super. Die Leute waren engagiert, die Kommunikation war etwas schwieriger, aber sie waren superfreundlich. Man spürt die Begeisterung. Es ist nur so, dass ich aus Chile angereist bin und mir nicht bewusst war, dass es so weit ist. Also bin ich neun Stunden nach Houston geflogen und dann 14 Stunden von Houston nach Tokio. Als ich dort ankam, waren es zwölf Stunden Zeitunterschied. Was ich wiederum nicht erwartet hatte, denn normalerweise wird so etwas angegeben. Ich dachte mir: Komm schon, man schaut auf die Karte und Chile ist hier unten und Japan dort oben…. Das stimmt aber nicht, meine Karten sind falsch (lacht). Ich kam dort an und ich war körperlich völlig fertig, dazu die kühlen Temperaturen. Ich bin es nicht gewohnt, bei so kaltem Wetter zu surfen – Kapuze, Handschuhe, Schuhe, und selbst dann hat man kein Gefühl in den Fingern.
Deponiert eure Boardbags ein bisschen weiter weg vom Check-in-Schalter, beziehungsweise der Waage (lacht). Manchmal sehen die Mitarbeiter am Schalter das Sportgepäck weiter weg und wollen gar nicht, dass man es nach vorn karrt. Und das ist gut. Das ist ein kleiner Sieg. Was ich nicht übers Herz bringe, ist, meinen Koffer oder das Knie beim Wiegen unter das Gepäckstück zu halten. Ich fühle mich dabei einfach zu schlecht und habe irgendwie Angst, dass ich erwischt werde (lacht). Schiebt es lieber bis ganz nach hinten auf das Förderband durch, dann liegen auch nur 50-70 Prozent des Boardbags auf der Waage, weil es meistens zu lang ist. Das ist mein Travel-Hack!
Ich liebe es zu reisen, weil ich das Gefühl habe, dass es in gewisser Weise jedes Mal ein kleiner Neuanfang ist, wenn ich an einem Ort ankomme. Oft ist das Fliegen für mich ein Moment der Analyse und der Selbstreflexion, in dem ich mir denke: Okay, was mache ich richtig? Was mache ich falsch? Was kann ich an diesem nächsten Ort besser machen, wenn ich ankomme? Es ist also schön, weil man wieder bei null anfängt. Man kommt an einen neuen Ort und ist bereit. Ich habe mittlerweile meine Routinen an diesen Orten, aber man bleibt nie in einer Routine stecken, weil man immer wieder einen gewissen Neuanfang hat.
Dass man gewisse Dinge einfach wagen und ein paar Risiken eingehen muss. Wie damals bei meiner ersten Reise nach Maui, von der ich anfangs berichtet habe – das war für mich ein echtes Erlebnis, weil ich mir ein paar Wochen vorher den Knöchel gebrochen hatte. Ich kannte niemanden auf Maui und ich war noch nicht wieder ganz fit. Außerdem konnte ich kein Auto mieten, also musste ich einen Deal aushandeln, das Auto zu kaufen und dann wieder an denselben Besitzer zu verkaufen. Es war kompliziert. Aber ich bin so froh, dass ich es einfach gewagt habe. Genauso war es bei meiner letzten Reise nach Fidschi, da hat in der Theorie vieles dagegengesprochen. Und als mir all diese „Neins“ durch den Kopf gingen, wusste ich: Okay, ich muss dort einfach hinfahren, denn es liegt absolut außerhalb meiner Komfortzone. Und genau dann, glaube ich, passieren einige der besten Momente im Leben und man macht die größten Fortschritte und lernt die wichtigsten Lektionen. Und: Knüpfe so viele Kontakte wie möglich zu Einheimischen vor Ort. Das ist das Beste und hilft einem immer weiter. Versuche, dich nicht nur in deiner Blase aufzuhalten.
In der Theorie sprach vieles dagegen – ich bin trotzdem hingereist.”
Hm, nicht wirklich. Mein Tipp ist eigentlich, mit minimalem Gepäck zu reisen. Weniger ist unterwegs oft mehr. Früher bin ich mit viel Kleidung und so viel Zeug gereist, und benutzte trotzdem immer dieselben fünf T-Shirts. Ich meine, abgesehen vom Windsurfmaterial natürlich, da nehme ich gerne so viele Masten wie möglich mit, aber abgesehen davon – ich weiß nicht, eigentlich echt nichts Besonderes, muss ich sagen.
Ich sehe meine Familie nicht oft. Und das ist definitiv ein Faktor. Mein Ziel mit meinem aktuellen Setup ist auch, dass sie mich nun regelmäßig besuchen können und ich mich um sie kümmern kann, sie bei mir an schönen Orten wohnen und wir die Zeit zusammen genießen können. Aber ja, ich sehe meine Familie nicht oft. Und natürlich meine Freunde aus der Jugend auch nicht. Und auch mit all den Freunden, die ich an den verschiedenen Orten habe, wofür ich super dankbar bin, kann es seltsam sein, weil man ankommt, etwas bleibt und dann für neun Monate verschwindet. Es hat seine Vor- und Nachteile, aber ich bin dankbar, denn das ist es, wovon ich geträumt habe. Fast jeden Tag aufs Wasser zu gehen und mich selbst zu pushen und zu versuchen, besser zu werden, im Wasser und außerhalb, das ist unglaublich und mein Traum. Also bin ich bereit, andere Dinge zu opfern.
In den ersten Jahren war ich voll von meiner Familie abhängig. Es war die einzige Option. Als ich meinen ersten Wettkampf in Pacasmayo gewann, das war 2017, also nur zwei Jahre, nachdem ich mit dem Training und dem Reisen angefangen hatte, bekam ich meinen ersten Sponsor. Ich konnte mich finanziell langsam aus dem Nichts hocharbeiten. Ein wichtiger Faktor war, dass ich nach meiner Knieverletzung angefangen habe, als Social-Media-Manager für Severne zu arbeiten, da ich meinen Abschluss in Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing gemacht hatte. Ich wurde unabhängig und konnte von da an alles selbst regeln, da ich ein Gleichgewicht zwischen Sponsoren und meinem Job bei Severne gefunden hatte.
Ja, nach ein paar Jahren als Social-Media-Manager hat mich das mental ziemlich viel Kraft gekostet. Ich war bereit für etwas Neues und habe angefangen, Einzelcoachings anzubieten, und später auch Gruppencoachings. So kam es auch zur Gründung meiner „Windsurf Adventure Camps“. Ich erinnere mich, das erste Mal in Chile kam nur eine Person, und ich dachte: Oh Mann, das ist ein Reinfall. Aber tatsächlich wohnte er bei mir im Haus, wir sind zusammen unterwegs gewesen, und es war total lustig. Er war begeistert. Ein paar Monate später setzte ich ein weiteres Camp an, und diesmal kamen zwei Leute, und so weiter. Im ersten Jahr habe ich das Ganze ausprobiert, und die Leute waren begeistert – sie wurden schnell besser und hatten eine Menge Spaß. Es hat funktioniert und ist nun eine gute, zusätzliche Einnahmequelle.
Das ist bunt gemischt, aber eher fortgeschrittene Wave-Surfer, auch weil die Spots, die ich im Programm habe, fantastische Wellen bieten. Also habe ich meistens Leute, die schon Erfahrung mit Wellen haben und sich verbessern wollen. Ich finde es großartig und es gibt mir unglaubliche Zufriedenheit. Denn es ist schön mitzuerleben, wenn jemand mit dem Abreiten anfängt und die ersten Wellen erwischt. Besonders bei Side- bis Sideoffshore-Bedingungen ist der Lernprozess enorm. Angefangen beim Material, den Spot-Kenntnissen, der Sicherheit, dem Einsteigen, den Strömungen. Dann die Welle an sich, die Positionierung, die Wellenauswahl, das Timing – die Liste ist unendlich. Und natürlich kann ich die Teilnehmenden auch inspirieren. Wenn wir etwa zwei Wochen zusammen unterwegs sind, erkennen sie, was das nächste Level ist. Chile und Fuerte sind dabei etwas anspruchsvoller, würde ich sagen. Peru ist selbst für Anfänger fantastisch. Deshalb mache ich dieses Jahr zwei Camps dort, im Mai und im August.
Ich versuche das immer mit Respekt anzugehen, denn obwohl ich schon seit vielen Jahren an diese Orte wie Chile fahre, bin ich kein Einheimischer und möchte die lokale Gemeinschaft respektieren. Deshalb versuche ich immer, im Voraus zu klären, ob es in Ordnung ist. Wenn man zum Beispiel am Spot Topocalma ankommt, wo normalerweise zwei, drei Leute surfen oder an den vollen Tagen vielleicht fünf bis zehn, und man mit einer Gruppe von Leuten ankommt, kann das störend sein. Das ist auch einer der Gründe, warum ich meine Camps auf maximal fünf Personen beschränke. Das ist immer noch überschaubar. In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass ich beides gesehen und erlebt habe, weil ich in einer Stadt weit weg vom Meer groß geworden bin. Nichts gibt mir das Recht, irgendwohin zu fahren und mich wie der Boss zu benehmen, oder zu machen, was ich will. Doch gleichzeitig lebe ich nun schon viele Jahre, mehrere Monate im Jahr an diesen tollen Spots, und ich sehe, wenn jemand von außen kommt und sich respektlos verhält. Ich spüre also beide Seiten und versuche, einen Mittelweg zu finden. Ich versuche bloß, meinen Leuten zu helfen, besser zu werden und unglaubliche Erinnerungen an die schönsten Orte der Welt zu schaffen. Ich denke, wir können das alle auf eine Art und Weise genießen und teilen. Ich finde es toll, wenn sie Kontakt zu den Locals knüpfen und sie kennenlernen. Und diese Verbindung gefällt mir. Weißt du, wir sind nicht nur da, um zu nehmen. Wir sind da, um zu teilen und zu genießen.
Obwohl ich schon seit Jahren an die selben Orte fahre, bin ich kein Einheimischer und respektiere die Locals.”
Eine meiner ersten Topocalma-Sessions. Normalerweise geht man dort morgens raus, aber wir sind an diesem Tag bis zum Sonnenuntergang geblieben. Und irgendwann, ich weiß nicht, woran es lag, es war ein außergewöhnlicher Winter, wurde der Wind wieder stärker. Mein Freund Philippe meinte: „Wir bleiben!“ Und das war die richtige Entscheidung. Oh mein Gott, ich erinnere mich noch genau, wie es war: einfach perfekte vier, fünf Turns die Welle runter, rausgleiten und die nächste… Aber auch die großen Tage in Pacasmayo waren verrückt – zwei Minuten auf einer Welle, das ist einzigartig. Und dann natürlich Cloudbreak, ich sage es dir! Die Welle fängt langsam an, fast wie Side-Onshore fühlt es sich am Peak an, doch dann dreht sie rein und man nimmt bei Side-Off Fahrt auf, man sieht diesen sauberen, steilen Abschnitt, wo man Turns reinschlitzen kann, und am Ende wird das Teil hohl, fast zu einer Höhle. Das Wasser ist wie aus Glas. Man hört das Rail vom Board durchs Wasser schneiden. Ich kann mich also nicht entscheiden und eine Session herausgreifen. Es gab ein paar Besondere.
Australien, Kapverden, Mauritius, Diamond Head auf Oahu. Ich bin schon viel gereist, aber wie man sieht, ist die Liste immer noch lang.

Redakteur surf
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