Hookipa, Kanaha, SpreckelsvilleMaui - Mythos und Realität der Traum-Insel

Dimitri Lehner

 · 21.06.2026

Strömungen, Haie, Korallen und Wellenmonster wie hier in La Perouse. Wenn Maui seine Krallen ausfährt, wird’s dem Hobbysurfer Angst und Bange.
Foto: Fish Bowl Diaries
Zu teuer, zu kompliziert, zu gefährlich – und abends ist nichts los. Maui gilt als Sehnsuchtsort der Windsurfer. Doch wer genauer hinschaut, findet erstaunlich viele Gründe, nicht hinzufliegen. Und trotzdem wollen es alle. Warum?

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“Jeden Euro, den du in Windsurf-Reisen steckst – und NICHT nach Maui fliegst, ist rausgeworfenes Geld!“ Halt. Moment! Noch nicht buchen. Noch nicht fliegen! Denn: Mein Freund Cord hat diesen Satz in den 1990ern gesagt.

Früher: Hippies, Youngsters, Euro-Beach

Spreckelsville 1988: bunte Segel, 
junge Leute, toller Vibe. Heute ist 
der Traum-Spot von einst Immobilien-
Spekulanten zum Opfer gefallen, 
glauben Insider.
Foto: PR

In den Neunzigern war Maui ein Versprechen. Junge Windsurfer aus aller Welt lebten zwischen Palmen, Jugendherbergen und rostigen Autos. Am Strand von Spreckelsville – damals liebevoll „Euro-Beach“ genannt – lagen mehr Boards als Sand. Man diskutierte über Tabletop und Bottomturn, sammelte Avocados im Iao Valley und pimpte damit Ein-Dollar-Burger von Jack in the Box. Geld hatte kaum jemand. Zeit dafür umso mehr.

Heute wirkt diese Insel wie eine Erinnerung an sich selbst. Jeff Bezos kaufte Land am Kultstrand La Perouse. Oprah Winfrey besitzt Flächen so groß wie 600 Fußballfelder. Grundstückspreise explodieren. Viermal so viele Autos wie in den Achtzigern rollen über die Highways. Wo früher Dschungel wucherte, stehen heute Häuser. Maui ist kein Hippietraum mehr. Maui ist ein Immobilienmarkt.

Vom Bett aufs Brett? Vergiss es.

Eine günstige Unterkunft zu finden ist inzwischen fast unmöglich. Selbst ein Etagenbett kostet rund 90 Dollar pro Nacht. Wer nicht reich ist, wohnt weit weg vom Wasser. Das bedeutet: Maui ist Windsurfurlaub mit Pendelstrecke. Ohne Auto geht nichts. Zwei Möglichkeiten: Entweder kaufen, versichern, hoffen dass die Karre nicht verreckt, wieder verkaufen – für alle, die länger bleiben. Früher war das Abenteuer. Heute ist es Organisation. Alternative: mieten. Das ist auch teuer.

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Gleiches gilt für die Windsurf-Ausrüstung: mieten oder kaufen. Denn Mitbringen kostet ’ne Menge und wird mit den neuen Airline-Richtlinien zunehmens teurer. Dann doch besser mieten oder kaufen. Angebote gibt es reichlich. Das Minimum an Gear für Maui: ein Waveboard und zwei Segel (4,2 und 4,7). Damit kommt man gut zurecht.

Hookipa ist ein Spot, der Fehler nicht verzeiht, sondern kommentiert.

Hookipa: schönster Spot der Welt

Viel Auswahl hat man nicht am Northshore. Es gibt im Grunde zwei Spots. Der erste heißt Hookipa – und Hookipa ist kein Strand. Hookipa ist eine Prüfung. Auf Fotos wirkt die Bucht großzügig, fast einladend. In Wirklichkeit ist sie kleiner, enger, komplizierter. Ein Pro-Spot im Wortsinn. Der Einstieg beginnt mit Shorebreak, setzt sich mit Strömung fort und endet, wenn man Pech hat, auf den Rocks. Wer nicht sofort dort landet, landet später dort. „Alle landen früher oder später auf den Rocks“, sagt Profi-Surfer Robby Swift. Er hat längst aufgehört mitzuzählen, wie oft es ihn selbst über die schwarzen Lavafelsen gespült hat. Diese Felsen zerbeißen Board und Rigg in Sekunden.

Die Bucht von Hookipa gleicht einer Arena. Hier bleibt nichts unbeobachtet.Foto: Fish Bowl DiariesDie Bucht von Hookipa gleicht einer Arena. Hier bleibt nichts unbeobachtet.

Hookipa verlangt mehr als Können. Es verlangt Routine im Umgang mit Wind, Welle, Timing, mit Höhelaufen und schnellen Wenden – und vor allem mit sich selbst. Man muss sich sicher sein und cool bleiben. Der Surfer-Spruch: „If in doubt, don‘t go out!“ wurde für einen Spot wie Hookipa erfunden. Tipp: Wer in Hookipa aufs Wasser will, sollte sich einweisen lassen. Nicht nur in die Regeln der Etikette – erst ab elf Uhr aufs Wasser, Vorfahrtsrecht in der Welle, respektvoller Umgang mit Surfern und anderen Windsurfern – sondern in Strömungen, Start-Prozedere, Exit-Strategien. Hookipa ist ein Spot, der Fehler nicht verzeiht, sondern kommentiert. Wenn alles klappt, surft man allerdings Wellen von Weltklasseformat. Dynamischer, kraftvoller, aggressiver als fast überall sonst. Und man erlebt die berühmte Hookipa-Arena: eine Bucht, die sich wie ein Amphitheater öffnet. Die Zuschauer sitzen oben im Gras, lehnen an Autotüren, stehen auf Ladeflächen. Jeder sieht jeden. Das ist Fluch und Segen. Fluch, wenn man im Shorebreak zusammengefaltet wird oder gegen die Strömung anschwimmt, um nicht auf den Rocks zu enden. Segen, wenn alles klappt und die Turns auf der Welle zünden. In Hookipa ist das Wasser blauer, die Wellen schöner, das Gras auf den Hügeln grüner – und die Angst größer. Zumindest bei mir. Deshalb fahre ich inzwischen öfter weiter. Dreißig Minuten die Küste entlang, Richtung Westen. Nach Kahului.

Kanaha – der Spielplatz

Kahului ist Mauis größte Stadt und besitzt den Charme eines Industriegebiets. Fastfoodrestaurants, Tankstellen, Einkaufsmalls, Autohändler. Zwischen Flughafen, Klärwerk und Homeless-Kolonie – genau dort – liegt der Kanaha Beach Park. Die Hookipa-Helden nennen ihn verächtlich: Old Man’s Beach. Der Name hat zwei Gründe. Erstens bricht die Welle hier zahm. Das Riff liegt rund 300 Meter draußen, man kann entspannt starten und früh genug vor den Sets halsen. Ein Spot auch für Bump-&-Jump-Surfer und Wave-Einsteiger. Zweitens beschreibt der Name die Szene am Strand. Nur alte Leute. Ein Seniorenheim mit freiem Ausgang, könnte man sagen. Als Windsurfer zählt man hier mittlerweile zu den Exoten – Kanaha ist fest in Hand der Wingfoiler.

Nur an großen Tagen verändert sich Kanaha. Wenn im Winter die Swells in langen Pazifikschwingungen einrollen, wird der Spot plötzlich ernst. Das Riff verträgt fette Wellen. Hookipa hat sich dann längst in einen Whirlpool verwandelt, weil die Wellen auf ganzer Länge umklappen und alles im Close-Out zermalmen. An solchen Tagen tauchen die Hookipa-Helden in Kanaha auf: Levi Siver, Brawzinho, Bernd Roediger & Co. Sie rippen die Wellen, springen XXL-Backloops und verschwinden wieder, wenn die Wellen kleiner werden. Für mich bleibt Kanaha trotz allem mein Spielplatz. Hier kann ich rumtollen, ohne permanent an die Rocks zu denken. Natürlich können auch hier Masten brechen und Segel zerreißen. Aber selbst bei großen Wipe-Outs wird man übers Riff gespült und in ruhigeres Wasser geschwemmt. Und sollte der Wind einschlafen? Kein Problem: Dann schwimmt man eben zurück oder steigt unten am Kitebeach aus, schafft man es nicht, Höhe zu laufen.

Zwischen Flughafen, Klärwerk und Homeless-Kolonie – genau dort liegt der Kanaha Beach Park.

​Kanaha ist aber nicht nur wegen seiner Wellen angenehm. Der ganze Spot funktioniert ohne Stress. Gute Parkplätze. Große Rasenflächen zum Aufriggen. Duschen. Infrastruktur, die man nach Reisen auf die Kanaren oder nach Marokko plötzlich sehr zu schätzen weiß. Und dann dieser erstaunliche Widerspruch: An Land spürt man den Wind kaum, selbst wenn’s draußen mit 30 Knoten ballert. Kein Sandstrahl-Effekt. Kein Kampf beim Aufriggen. Und das Wasser ist warm. Warm genug, dass ich selbst im Dezember nur in Shorts surfe. Herrlich. Kurzum: Alles ist einfacher hier. Kein Vergleich mit dem Adrenalin-Spot Hookipa oder seinen Nachbarn Kuau und Lanes.

Easy Windsurfing im Kanaha Beach Park. Der Spot ist die beste Wahl für Hobby-Windsurfer.Foto: Axel ReeseEasy Windsurfing im Kanaha Beach Park. Der Spot ist die beste Wahl für Hobby-Windsurfer.

Kanaha – Erinnerungen an goldene Tage

Kanaha ist der eigentliche Grund, warum es mich immer wieder nach Maui zieht. Nicht Hookipa. Nicht die Hawaii-Klischees. Sondern dieser Strand hier. In Kanaha habe ich über die Jahre meine persönlichen Meilensteine gesammelt. Meinen ersten Table Top. Meinen ersten wirklich gestandenen Backloop – 1989 sprang ich direkt vor Young-Gun Jason Prior ab, kreiselte durch die Luft und landete butterweich, ohne aus den Fußschlaufen zu rutschen. Jason jubelte mir zu. Freute sich mit mir. Solche Momente bleiben. Hier gelang mir meine erste Cheeseroll. Und hier reite ich heute die sogenannten 500-Dollar-Wellen: perfekte drei bis fünf Meter hohe Wasserwände, sauber aufgebaut, endlos fahrbar. Wellen, in die man sich hineinkurvt, Turn für Turn, und sich plötzlich fühlt wie Ricardo Campello. Ich nenne sie 500-Dollar-Wellen, weil jeder Turn vermutlich hundert Dollar kostet, würde man eine Rechnung darüber führen. Und trotzdem: Selbst auf Maui sind solche Epic Sessions selten. Tage auf dem Wasser gibt’s viele, doch Epic Days sind rar. Fünf davon in sechs Wochen gelten schon als guter Schnitt. Die Magie kommt meist spät. Zwischen vier und sechs Uhr nachmittags. Dann liegt goldenes Licht über dem Wasser, die Welle wird leerer, die meisten Kiter und Wingfoiler packen bereits zusammen, der Wind steht konstanter – und die Lines rollen weich wie Samt Richtung Küste. Leider knipst im Winter die Sonne pünktlich um sechs das Licht aus. Nicht selten erreicht man den Strand erst wieder im Dunkeln.

Sprecks: der verlorene Traumstrand

Früher fuhr ich oft nach Spreckelsville. „Sprecks“. Ein Sandstrand zwischen Hookipa und Kanaha gelegen, wie aus dem Hawaii-Katalog geschnitten: türkisblaues Wasser, Palmen, Autos hinter Dünen geparkt, ein Riff links, ein Riff rechts, perfekte Sprungwellen zum Abheben. So stellte man sich Windsurfen auf Maui vor. Ein Kult-Spot. Irgendwann, in den letzten zehn Jahren, änderte sich alles. Ein Feuer fackelte die Keawi-Bäume ab, die Stimmung kippte. Autos wurden aufgebrochen. Seltsame Gestalten im Gebüsch. Immer weniger Leute auf dem Wasser. Immer mehr dieses Gefühl, allein zu sein – nicht im guten Sinn. Seitdem fahre ich kaum noch hin.

Wind von rechts – ein Muss!

Auf Maui bläst der Wind von rechts. Deshalb bin ich hier. Nur an Kona-Days dreht er – dann fühle ich mich wie jemand, der sich mit der falschen Hand die Zähne putzt. Außer ich fahre an die Südküste. Aber im Süden sieht die Insel anders aus: Golfplätze, Hotelketten, Wrangler-Jeeps voller Touris, braunes Wasser bei Starkwind. Ich war dort ein paar Mal. Nur aus Verzweiflung.

Beim Einkaufen trifft man Francisco Goya oder Mikey Eskimo, an der Tanke zapft Laird Hamilton Sprit für seinen Monstertruck, am Beach begegnet dir Robby Naish.

Kein Wind. Und jetzt?

Auf Maui weht der Passat. Der ist zuverlässig. Im Sommer bläst es am meisten, aber die Swells fehlen. Im Winter rollen die Swells, dafür schwächelt der Wind. Die besten Monate liegen dazwischen: März bis Mai, September bis Dezember. Bläst es gar nicht, bleibt Wellenreiten. Klingt romantisch. Ist es selten. Die Pro-Spots wie Hookipa oder Honolua Bay sind für die meisten zu anspruchsvoll und an guten Tagen voll. Die Locals gereizt. Spirit of Aloha? Fehlanzeige! Wandern funktioniert besser. Dschungel, Wasserfälle, warme Luft, barfuß über Trails laufen, in Wasserbecken springen, durch Eukalyptusgeruch und Vogelgezwitschere spazieren. Keine Schlangen, keine giftigen Spinnen, kein Drama. Nur Landschaft. Und überhaupt: Diese herrliche Wärme. Auf Maui braucht man kaum Kleidung. Shorts, Shirt, Flipflops reichen.

Beim Einkaufen trifft man Francisco Goya oder Mikey Eskimo, an der Tanke zapft Laird Hamilton Sprit für seinen Monstertruck, am Beach begegnet dir Robby Naish. Die Insel ist klein genug dafür. Und tolerant genug für alle: Touristen, Aussteiger, Millionäre, Freaks, Zeitreisende. Um 18 Uhr verschwindet die Insel. Alle steigen in ihren Vans, fahren nach Hause. Denn Essengehen ist absurd teuer. Selbst Nudeln mit Tomatensauce kosten im Selbstversuch zweieinhalbmal so viel wie zuhause. Wer allein nach Maui reist, wird nicht nur arm. Sondern manchmal auch einsam. Und trotzdem fliege ich immer wieder hin. Wahrscheinlich wegen der Erinnerung. Und wegen der Hoffnung, dass irgendwo zwischen Wind, Welle und Abendlicht noch einmal alles so wird wie früher.


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