RückspiegelDas waren die Highlights in surf 10/1995

Tobias Frauen

 · 09.12.2023

Die Highlights in surf 10/1995
Foto: surf Archiv
Fast schon zahm reitet Titelheld Robert Teriitehau auf dem Cover eine Hookipa-Welle onehanded ab - fotografiert von Bernhard Biancotto.
Mitte der Neunziger ist der Windsurf-Markt in Bewegung, sowohl vor als auch hinter den Kulissen auf der ISPO 1995 gibt es reihenweise neue Marken und Trends zu sehen - teilweise heute noch präsent, teilweise schnell wieder verschwunden. Außerdem im Heft: Ein großes Interview mit Superstar Robert Teriitehau und Geheimspots auf den Kanaren und an der Ostsee.

Trend-Show auf der ISPO

In den Neunzigern war die ISPO in München traditionell der erste Ausblick auf die neue Saison. Alles da, was Rang und Namen hat, und mit dabei jede Menge Material frisch aus der Form. 1995 beerdigte F2 den legendären Sunset nach neun Jahren, brachte aber ein Tandem und ein Polakow-Board mit nach München. Der große Konkurrent Mistral will mit dem neuen Geschäftsführer Flo Brunner trendiger werden (”Wir merken nicht erst nach drei Jahren, daß No Nose angesagt ist”) und Fanatic bringt neue Falcons. ACE zeigt ein Brett mit kleinen Seitenfinnen an der Rail, HiFly hat ein Edel-Waveboard von Sean Ordonez im Programm. Der große Trend sind Convertibles - Boards, die sich mit anderer Finne und geänderten Schlaufen-Setup schnell vom Manöver- zum Heizer-Brett verwandeln lassen. Robby Naish ist erstmals mit seiner eigenen Segelmarke präsent, ART hat einen “Mini-Camber” entwickelt. Sowohl Mistral als auch Fanatoc haben außerdem eine Wellenreiter-Range dabei. Bei NeilPryde fällt der Blick zuerst auf Wave-Star Jason Prior statt auf die Riggs: Er hat sich das runde Pryde-Bulleye auf die Schulter tätowieren lassen (was die Marke mit einer doppelseitigen Anzeige feiert). Gleich doppelt ist Chiemsee auf der Messe vertreten: Neben der Original-Brand gab es auch eine Marke namens “Chiemsee Sailing” , die den Look frech kopierte.

“Geheimspots” auf Teneriffa und an der Ostsee

Teneriffa, das hieß meistens El Medano. Doch die surf-Autoren Christian Tillmanns und Andreas Erbe enthüllten im Herbst 1995 neue Anlaufstellen. Vom beinharten Local-Spot Confital (mit Steinhagel zur Begrüßung) über Güimar bis hin zum Wave-Slalom-Spot Alcala werden neue Anlaufziele gezeigt. Dreh- und Angelpunkt bleibt aber El Medano mit seinen Stationen, Hotels und Shops. Olaf Dohse hingegen begab sich an die Ostsee, auf der Suche dem Wavespot Dahmeshöved an der Lübecker Bucht. Nach reichlich Umwegen steht er schließlich am gesuchten Strand - wobei “Strand” allzu euphemistisch klingt angesichts des kümmerlichen Sandstreifens zwischen Deich und Buhnenresten. “Einstiegsstelle” passt schon eher. Doch alles egal angesichts einer sauberen Welle an der Sandbank und Wind von der Seite. Für Gefahr sorgen neben den wenig erfreuten Locals auch zahlreiche Steine und Hindernisse im Wasser. “Man muß eben drum herum fahren”, so der Insider-Tipp. Mit Dahme und Kellenhusen sind obendrein zwei zahmere Spots nur wenige Kilometer entfernt.

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Robert Teriitehau - Der verrückte Hund

Robert Teriitehau war in den Neunzigern der Superstar des Windsurfens - und ein unterhaltsamer Gegenentwurf zu den durchgeplanten und organisierten Legenden Dunkerbeck und Naish. Der bunte Hund aus Neukaledonien galt als eines der größten Talente seinerzeit und schrammte mehrfach haarscharf am WM-Titel vorbei. Seine steile Karriere begann 1982 mit den ersten Surfversuchen, sechs Monate später war Teriitehau kaledonischer Meister, 1984 schlug er in La Torche Robby Naish - vor 100.000 frenetischen Zuschauern. Es folgen Sponsoren-Deals, viel Geld und schneller Ruhm. Zeitweise prangte Roberts Bild auf fünf Millionen französischen Cornflakes-Packungen. Im surf-Interview ist der damals 28-Jährige überzeugt, dass er Weltmeister werden könnte, wenn er nur etwas mehr trainiert hätte. “Aber warum hätte ich damals um 10 Uhr abends ins Bett gehen sollen, wenn die Mädchen noch auf mich gewartet haben?” Auch auf dem Wasser pusht Teriitehau die Grenzen des Machbaren: In Hookipa sorgen seine 18 Meter hohen Loops selbst bei Dunkerbeck, Polakow und Co. für Kopfschütteln und seine Sprünge aus dem Becken heraus beim Indoor World Cup in Paris sind legendär. Später sollte Teriitehau beim ersten Windsurf-Rennen über den Atlantik dabei sein - inklusive Sprung vom begleitenden Eisbrecher! Da ist es fast schon schade, dass es damals noch kein Instagram und Co. gab, um alle verrückten Aktionen festzuhalten.

Und sonst so?

  • Die große Finnen-Bibel: surf zeigt die verschiedenen Materialien, spricht mit Finnen-Entwicklern, testet selber fast ein Dutzend Finnen und versorgt den Leser mit allen Basics und der Schautafel, welche Finne zu welchem Segel wirklich passt!
  • Fanatic ist wieder deutsch: Nach dem Verkauf an einen US-Konzern zwei Jahre zuvor hat nun wieder Udo Schütz das Sagen. Der Käufer hatte die letzte Rate nicht gezahlt, weil er selber in Schieflage geraten war.
  • Chaos im World Cup: Das Fahrer-Komitee um Phil McGain feuert PBA-Boss Christian Herles, beschlagnahmt Akten, beauftragt eine Agentur mit der Organisation der Tour. Wenig später wird die PWA gegründet, wie wir sie heute auch noch kennen
  • 25 Jahre NeilPryde: Angefangen als Hobby, schneiderte der passioniert Segler zeitweise bis zu 400 000 Surfsegel im Jahr. Zwischenzeitlich gab es mit Tiga auch eine Boardsparte
  • Auf dem Dümmer und dem Steinhuder Meer bemängeln Vogelschützer die Störung durch Windsurfer. 48 Beobachter haben an 379 Tagen die Population kontrolliert, dabei sei jeder Kormoran im Schnitt 1,38 mal täglich aufgescheucht worden. Der örtlich Surfclub kontert mit der Frage, welchen Schaden ein Vogel nehme, “wenn er wegen einer Störung von Punkt A 500 Meter nach Punkt B” fliege.
  • Ratgeber Strandsurfer: surf hat zwei Modelle auf Coche Probe gefahren
  • Mistral bringt parallel zu den Prospekten eine CD-ROM mit Bildern, Infos und Stories raus - für 39 Mark! North Sails hingegen hat ein Feuerzeug mit Logo für 49 Mark im Programm!
  • Baltic Kölln, damals größter Surfshop Deutschlands, sucht per Anzeige Franchise-Nehmer. Interessenten würden also im Baltic Kölln-Look auftreten, aber die Geschäfte eigenständig führen. Doch aus der Kette wird nichts, weniger Jahre später ist Kölln pleite.
  • Auf Paros gewinnt ein gewisser Antoine Albeau seinen ersten World Cup - in Abwesenheit der großen Namen. “Mein Ziel ist es zu gewinnen, wenn alle da sind, auch Dunkerbeck. ” Auch der erst 20 Jahre alte Finian Maynard fährt hier erstmals ins Rampenlicht.
  • Bei der Deutschen Meisterschaft auf Norderney sorgt ungewohnter Nordwind für haarige Bedingungen. Die Buhnen sind dann noch fieser als auf Sylt und forderten jede Menge Opfer. Am Ende gewann Bernd Flessner sein Heimspiel - trotz spürbarer Nervosität - vor Andy Laufer. Der lässt es anschließend ordentlich krachen, von Flessner mit dem legendären Spruch “Ich hab ne Norderney-Fahne und Andy hat ne Wodka-Fahne” kommentiert.

Das gesamte Heft gibt es oben in der Galerie zum Durchklicken!

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Tobias Frauen

Tobias Frauen

Redakteur

Tobi verantwortet alles Digitale – von der surf-Webseite bis zu den Social-Media-Kanälen – und sorgt täglich für frischen Bild- und Videocontent. Seine Surf-Wurzeln reichen vom Münsterland über Ijsselmeer, Brouwersdam und Sylt bis nach Kiel und Heidkate. Heute lebt er seit über zehn Jahren in Hamburg als „Weekend Warrior“ und ist so oft wie möglich mit Campingbus und Familie unterwegs – bevorzugt an Ostsee, SPO, Dänemark sowie in Finnland, Schweden oder Sardinien.

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